“Lieber Körperstrafen als Kafka!“

Ein Dialog über soziale Fähigkeiten und Autismus

Eric Bolle untersucht zusammen mit seinen Schülerinnen und Schülern, ob Kafka hilft, Autismus besser zu verstehen. Hat Kafka Einsichten, auf deren Basis man Autismus kompensieren kann? Lesen Sie hier, was Schüler selbst dazu sagen.

Jedes Jahr gebe ich in der dritten Klasse des Gymnasiums einen Kurs über Kafka. Ziel ist, Deutsch lesen zu lernen, etwas von der deutschen Kultur zu verstehen und Einsicht in das Leben dieses Dichters zu erwerben. Ich unterrichte an einer Schule mit ausschließlich Schülern mit einer Störung im autistischen Spektrum. Weil Kafka meiner Meinung nach manche Züge dieser Störung aufweist, habe ich den Kurs von der Frage her veranstaltet, ob sein Werk dazu taugt, mehr von Autismus zu verstehen. Kafka war sehr introvertiert und menschenscheu. Trotzdem hat er eine glänzende Karriere bei einer Versicherungsanstalt gemacht. Konnte er mit extra dazu gelernten sozialen Fähigkeiten seinen Autismus kompensieren? Meine Arbeitshypothese lautet, dass wir von ihm lernen können, wie man Autismus kompensiert. Was halten meine Schüler von dieser Hypothese?

Großer Widerstand

Ich kann nicht behaupten, dass das erste Mal, dass ich den Kurs gab ein großer Erfolg war.  Die Schülerinnen und Schüler führten zwar den von mir gewünschten Dialog und schrieben gute Klassenarbeiten, aber es gab viel Widerstand und ich musste ständig wiederholen, warum ich diesen Dichter ausgewählt habe. Stellvertretend für die damalige Atmosphäre war der Zwischenruf eines Schülers: „Lieber Körperstrafen als Kafka!“

Glücklicherweise habe ich mich nicht entmutigen lassen. Das zweite Mal lief der Kurs schon viel besser über die Bühne. Schüler halfen einander und überwanden allmählich ihren Widerstand. Repräsentativ für die Haltung dieser zweiten Kohorte war: „Man kann viel verschiedenes von Kafka halten, aber man lernt auf jeden Fall gut Deutsch von ihm.“

Die dritte Kohorte habe ich gerade hinter dem Rücken. Alles lief wie am Schnürchen. Es gab keinen Widerwillen mehr. Ich bin sehr froh darüber. Allerdings haben die Schülerinnen und Schüler schließlich doch meine Hypothese verworfen.

Literatur und Empathie

Es fing sofort gut an. Einer der Schüler bezeichnete schon in der ersten Stunde Kafkas Werk als morbide. Es handelte sich um einen Polizisten, der sich weigerte, den Weg zum Bahnhof zu erklären, und etwas später um eine Maus, die die Mauern auf sich zukommen sieht und in den Krallen einer Katze endet. Der Schüler konnte prima erklären, was er in diesem Zusammenhang mit morbide meinte, und hat damit die ganze Klasse beeindruckt.

Am Ende der gleichen Stunde hörte ich einen Jungen zu einem anderen Jungen flüstern, dass Literatur eigentlich etwas für Mädchen sei. Nun gibt es eine Definition von Autismus als extrem männlichem Denken. Man denkt rein rational und nimmt keine Rücksicht auf die Gefühle von anderen. Darum fing ich die nächste Stunde an, über dieses Thema zu diskutieren. Das hatten die Jungen eigentlich nicht erwartet. Es entstand ein Gespräch, dessen Schlussfolgerung war, dass Mädchen sich besser in andere Menschen hineinversetzen können als Jungen. Das ist gut so, aber es kann auch den Jungen nicht schaden, wenn sie ab und zu mal versuchen, sich in andere hineinzuleben. Literatur lesen führt zu mehr Empathie und kann so helfen, Autismus zu kompensieren. Damit war den Mädchen eine Vorreiterrolle in der Klasse gegeben.

Der beruhigende Konsens war aber nur von kurzer Dauer. Einige Stunden später flammte die Diskussion anlässlich von Das Urteil neu auf. Georg Bendemann wird von seinem Vater und seiner Verlobten gerügt, dass er seinem Freund in St. Petersburg nichts über seine Heiratspläne erzählen will. Georg hat Angst, dass er seinem in dessen Geschäften gescheiterten Freund verletzen und eifersüchtig machen könne. Seine Verlobte wirft Georg vor, dass er ihr in die Quere komme, wenn sie nicht mit seinem Freund in Petersbug Bekanntschaft machen könne. Sie liebt Georg und möchte alle seine Freunde kennen lernen. Vater lacht Georg aus. Er ist unzufrieden darüber, wie sein Sohn mit ihm und anderen Menschen umgeht. Und es gibt mehr. Er hat dem Freund in Petersburg schon lange alles erzählt. Ohne dass Georg es wusste, gibt es einen ausführlichen Briefwechsel zwischen Vater und dem Freund in Petersburg.

Die Schüler haben wenig Mühe mit dem Deutsch und verstehen meine Zusammenfassung und Konzeptualisierung ganz gut. Georg wird vorgeworfen, alles im Alleingang zu tun und über ungenügend soziale Fähigkeiten zu verfügen. Jetzt entsteht folgende Diskussion. Ein Junge sagt, dass Georg vollkommen Recht habe und dass es niemand was angehe, was er seinem Freund schreibt. Damit erntet er bei einem anderen Jungen Beifall. Aber ein Mädchen ist auch der Meinung, dass Georg offen über seine Verlobung sprechen sollte. Ihre Meinung ist, dass er seiner Braut gegenüber wenig empfinde. Vater habe Recht, wenn er das Verhalten seines Sohnes ablehne.

Ich spüre eine Chance und sage, dass es mir um Kafka und Autismus geht. Ist dies nicht typisch der Augenblick, wo man Georg vorwirft, sich von seiner Umgebung abzusperren? Das Mädchen ist mit mir einverstanden und fragt sich, ob Georg vielleicht homosexuell ist und darum seiner Ex-Geliebten nichts über seine neue Liebe erzählen möchte. Jetzt sind die Jungen am Ende ihrer Geduld und haben es satt. Die Grenze ihrer Empathie ist erreicht. Was Georg macht, ist vielleicht taktlos, aber es ist seine Sache.

Vor dem Gesetz

Dann kommt die Woche, in der die Klassenarbeiten geschrieben werden. Ich lege den Schülerinnen und Schülern Vor dem Gesetz vor. Was passiert in dieser Parabel, was bedeutet der Text, was fühlt man oder soll man fühlen? Man kann den Text gut zusammenfassen. Man sieht die Pforte mit dem Türhüter klar vor sich und sieht den Mann vom Lande warten und ständig neu versuchen, in das Tor einzutreten. Und man sieht auch, dass das Tor des Gesetzes schließlich geschlossen wird, ohne dass der Mann reingegangen ist. Einige Kommentare aus den Klassenarbeiten über die Bedeutung der Parabel und die Gefühle, die sie auslöst.

„Am Anfang der Geschichte fühle ich Mitleid. Ich wusste nicht, was kommen würde, aber ich wusste, dass er etwas sucht oder neugierig nach etwas war. Der Wächter machte seine Arbeit stoisch, aber der Mann hörte nicht auf, zu fragen, wofür ich ihn respektiere. Am Ende der Geschichte sagt der Türhüter, dass das Tor nicht für ihn bestimmt sei, was mein Mitleid steigerte, weil er sein Ziel nicht hat erreichen können. Vielleicht sage ich es zu oft, aber ich finde es ein bisschen morbide. Ich blieb mit einem bitteren Gefühl zurück, was vielleicht auch beabsichtigt war.“

„Die Unsicherheit des Mannes hielt ihn davon zurück, sein Ziel zu erreichen. Wenn der Mann eher eingeschritten wäre, hätte sich dies nicht ereignet. Ich sehe mich selbst mit der gleichen Situation konfrontiert. Die Ungewissheit, die der Mann aufzeigt, indem er wartete, ist mir selber auch öfters passiert.“

„Ich denke, dass eine Botschaft von Kafka ist über das Rechtssystem und die Art und Weise, in der Menschen hier manchmal betrogen werden und dass es manchen also unmöglich ist, sich Zugang zum Gesetz zu verschaffen. Ich finde es eine traurige Geschichte. Sie macht ersichtlich, dass es Dinge gibt, gegen die man im Leben nicht ankämpfen kann. Menschen stehen manchmal ihren eigenen Systemen und Gesetzen machtlos gegenüber.“

„Ich denke, dass dies eine Erzählung über einen Mann ist, der gestorben ist und jetzt Zugang zum Himmel will. Ich denke, dass es eine sehr traurige Geschichte ist, denn damals war es eine Katastrophe, wenn man nicht in den Himmel zugelassen wurde, denn dann war man seinen Verpflichtungen nicht nachgekommen.“

„Ich fühle, dass der Mann in dieser Erzählung fast egoistisch ist. Er ruft ein Gefühl von Hass und Jämmerlichkeit in mir auf. Ich habe total kein Mitleid mit ihm. Er muss lernen, sich durchzusetzen und nicht immer wieder zum Gesetz zurück zu fliehen. Es ist seltsam, wie man bei dem Tod des Mannes gerade nicht Mitleid und Traurigkeit empfindet, sondern ein Gefühl von Gerechtigkeit.

Ich selbst fühle nicht wirklich etwas, aber ich denke, dass Kafka das Gefühl von Ungerechtigkeit aufzurufen versuchte, weil der Mann nicht reingehen durfte, obwohl das Gerichtsgebäude für jedermann offen sein sollte.“

“Es lässt sich damit vergleichen, dass man chronisch krank und auf der Suche nach einem Medizin ist, aber in der Zwischenzeit zu leben vergisst. Man erfährt, dass er das Wichtigste in seinem Leben vergaß, und zwar das Leben selbst. Es ist die erste Geschichte Kafkas, die mich wirklich interessiert. In der Literatur gibt es nie eine Antwort, es gibt einfach nur verschiedene Sorten Komplotte.“

Ein paar Trends sind auffällig. Manchen Schülern ist das Warten zuwider. Wer wartet, lebt nicht. Aus diesem Grund lehnen sie das Verhalten des Mannes ab. Außerdem finden sie es nicht gut, dass der Mann mit ungelösten Problemen herumläuft. In ihren Augen soll er die selbst lösen, was er aber nicht macht. Obzwar manche Mitleid mit ihm haben, ist der Mann auch vielen zuwider, weil er sich ungenügend durchzusetzen versucht und seine Probleme auf andere abwälzt. Die Schülerinnen und Schüler haben ein klares Verantwortungsbewusstsein und verstehen die Pflicht zur Assertivität.  Man kann schwerlich behaupten, dass bei diesen Kindern die Erziehung ihr Ziel verfehlt hat. Sie sind schon weiter als wir denken.

Aber es gibt auch andere Meinungen. Jemand erkennt die eigene Unsicherheit wieder und die Chancen, die er verpasst hat indem er zauderte. Wieder ein anderer Schüler betrachtet die Parabel als Kritik an der Gesellschaft und am Rechtssystem. Für ihn handelt das Stück nicht nur von Recht und Gerechtigkeit, sondern auch von Machtlosigkeit. Auffällig ist schließlich die Einsicht, dass viele Interpretationen (ein Schüler sagt Komplotte statt Interpretationen) möglich sind, und dass, obwohl jede Interpretation auf Argumente fußt, niemand letzten Endes weiß, was hier steht. Jedermann erfährt die Undurchdringlichkeit des Textes.

Ist K. ein Autist?

Die Wochen nach der Klassenarbeit über Vor dem Gesetz benutzen wir, um die Verfilmung von Das Schloss durch Michael Haneke mit Ulrich Mühe in der Hauptrolle zu sehen. Wir sehen uns jeweils eine halbe Stunde den Film an und diskutieren anschließend über die Frage, ob K. ein Autist ist. Es stellt sich allmählich heraus, dass einen deutschen Film ohne Untertitel sehen schwieriger ist als ein deutsches Buch lesen.

Eine der wichtigsten sozialen Fähigkeiten, wenn nicht die wichtigste, ist eine Situation zu erfühlen. Einschätzen was der Fall ist und tun, was sich ziemt, scheint etwas, dass viele Menschen spontan und wie von selbst machen können. Für Menschen mit Autismus ist das aber etwas sehr schwieriges. Es passiert zum Beispiel oft in der Klasse, dass ein Schüler ohne Anlass eine Frage stellt, die nichts mit der Tagesordnung zu tun hat. Es gibt auch eine Definition von Autismus als Kontextblindheit. Man muss eine Welt teilen, um Dinge verstehen zu können und sich selber in Zusammenhang mit seiner Umgebung zu sehen. Autisten fehlt einfach das erforderliche Fingerspitzengefühl.

Ein schönes Beispiel stellt K. in Das Schloss dar. Er wähnt sich als Zuschauer einer gewaltigen Aufregung unter den Behörden im Korridor eines Gasthofs. Er kann sich nicht satt sehen, bis jemand auf die Alarmklingel druckt. Dann kommt der Wirt und entfernt K. mit Gewalt. K. hat einfach nicht verstanden, dass gerade seine Gegenwart Grund der Aufregung ist. Er ist blind vor dem Kontext und sieht seine eigene Rolle  nicht in der Welt. Bei Kafka geschieht es schon oft, dass jemand plötzlich unangenehm realisiert, dass er fehl am Platz ist, dass er sich an einem Ort befindet, wo er sich nicht aufhalten darf.

Ich lege diese Szene, die nicht im Film vorkommt, sondern wohl im Buch steht, der Klasse vor. Einer aus drei Schülern ist sofort klar: K. ist kein Autist. Zwei aus drei Schülern haben Zweifel. K. könnte ein Autist sein, aber auch einfach jemand, der fest entschlossen an seiner Mission arbeitet, ins Schloss einzudringen. Seine Dickköpfigkeit und sein Unvermögen, gegenseitige Beziehungen anzuknüpfen (was man ihm oft vorwirft), entstehen aus seiner Obsession mit dem Schloss.

Am Ende des Kurses schreiben die Schülerinnen und Schüler eine Klassenarbeit, in der sie die Frage, ob K. ein Autist ist oder nicht, ausgiebig beantworten und mit Argumenten untermauern können. Außer dieser Frage wird ihnen noch eine andere Frage gestellt, nämlich was ihnen während der Unterrichtsstunden an sich selber aufgefallen ist.

Nur einer aus elf Schülern, die die Arbeit geschrieben haben, findet schließlich, dass  K. ein Autist ist, sechs nicht, vier zweifeln. Als Argumente für Autismus werden genannt: K.s schlechte soziale Kontakte, sein schlecht entwickeltes Vermögen, sich in andere einzuleben (vor allem in seine Verlobte Frieda) und seine Kontextblindheit. K. nimmt keine Rücksicht auf andere Menschen und denkt, dass er immer Recht hat.

Als Argumente wider Autismus werden genannt, dass K. anders als die meisten Autisten gut Reize verarbeiten kann. Dass er manchmal zu weit geht, rührt nicht von seinem Autismus, sondern von seiner Zielstrebigkeit und Entschlossenheit her. K. denkt nicht logisch und systematisch, was die meisten Autisten gerade wohl tun. K. mag keine Strukturen und Regeln, Autisten schon. K. ist cool, auch in Lagen, in denen Autisten durch Angst oder Überreiztheit die Nerven verlieren würden, aber vor allem schläft er schon bei der ersten Begegnung mit Frieda und mag er zu berühren und berührt zu werden, was die meisten Autisten nicht mögen. Damit ist meine Arbeitshypothese endgültig von der Klasse abgelehnt.

Die Schülerinnen und Schüler haben nach eigenen Angaben an sich selber erfahren, dass K. kein netter Mensch ist und dass sie nicht gerne mit ihm befreundet wären. Ein Schüler stört, dass K. wider Autorität gestimmt ist und erkennt das bei sich selber nicht wieder. Ein Mädchen bemerkt: „Was soll ich mit irgendeinem Mann, der in irgendein Schloss hinein will?“

Dieser Aufsatz erschien zuerst niederländisch in Levende Talen Magazine 2014 | 8, 11 – 14.

Gerne danke ich dem Präsidenten der Deutschen Kafka-Gesellschaft, Herrn Dr. Wilko Steffens, für seine Hilfe und wichtige Hinweise.